Die Tradition der Kerb

Im ländlichen Raum bildet die Kerb eine wichtige dörfliche Institution, mit den – zumeist unverheirateten – Kerbeburschen,

Im Hessischen wird die „Kerwe“ traditionell „ausgegraben“, also eröffnet. Die Dorfbewohner ziehen meist freitags oder samstags durch die Ortsstraßen zum Haus des „Kerweparrers“ (Kerwepfarrers), holen diesen ab und gehen gemeinsam zu einem Punkt, an dem eine Flasche oder etwas ähnliches aus dem Boden ausgegraben wird. Mit diesem Ritual ist die Kerwe eröffnet und wird erst wieder durch das Eingraben einer neuen Flasche für das nächste Jahr beendet. Sonntags findet in vielen Dörfern ein Kerwe-Umzug statt, bei dem Gruppen, Vereine und Personen aus dem Ort und der Region mit kreativen Ideen und gestalteten Wagen/Traktoren durch die Straßen ziehen.

Am Samstag wird von den ortsansässigen Burschen der „Kerbebaum“ aufgestellt. Am Samstag früh fahren sie mit den Traktoren und Anhängern in den Wald, um den vorher ausgesuchten Baum (meist eine Fichte) zu fällen und ins Dorf zu bringen. Der Baum darf beim Fällen nicht durchbrechen, insbesondere der empfindlichen Spitze wird besondere Aufmerksamkeit gewidmet. In manchen Dörfern wird der Baum schon am Freitag „eingeholt“ und wird dann über Nacht von den Kerbeburschen bewacht, damit dieser nicht von rivalisierenden Kerbeburschen aus Nachbarorten, gestohlen oder beschädigt wird. Der Baum wird mit Kränzen, Bändern und Schnitzereien in die Rinde geschmückt. Von der Musikkapelle begleitet, wird der Baum dann am Nachmittag in das Dorf gefahren und vor der Wirtschaft, in der die Burschen verkehren, oder auf dem Dorfplatz unter Benutzung verschieden langer, an einem Ende verbundener Stangen (Schwalben oder Spreizen) wieder aufgestellt. Dieser Vorgang zieht sich meist über mehrere Stunden hin und ist sehr anstrengend, da der Baum über 30 Meter hoch sein kann. Am Sonntag trifft man vereinzelt noch das „Fässla ausgraben“ an.

Dabei wird, wenn es zwei „rivalisierende“ Gruppen von Burschen gibt, ein Bierfass im Garten der jeweils anderen Gruppe versteckt und muss dann von den ortsansässigen Burschen gesucht werden. Schaffen sie es nicht, ist es eine Schmach, wenn die andere Burschenschaft das Bierfass wieder ausgräbt.
Eine weitere Form, wie sich rivalisierende Kerbeburschen ihre Getränke finanzieren, ist das Schlackes klauen. Die Schlackes ist eine am Kerbbaum aufgehängte Strohpuppe. Diese wacht während der Zeit über die Kerb. Vorrangig nachts kommen auswärtige Kerbbuschen, um die Lies vom Baum zu holen und nach erfolgreicher Tat am nächsten Tag gegen Flüssiges einzutauschen. Das Fällen des Baumes wird jedoch nicht gerne gesehen. Wenn die Schlackes geklaut wurde, sind die Kerbebuschen am nächsten Tag meist dem Hohn und Spott der vorigen Jahrgänge ausgesetzt, da diesen diese Schmach angeblich „nie passiert“ ist.

Am Montag wird dann der „Betz ausgetanzt“. Dabei suchen sich die Burschen am Montag morgen ein Mädchen aus und tanzen, meist sogar in ortstypischer Tracht. Dabei wird pro Runde ein Blumenstrauß von Paar zu Paar gegeben. Auf einem Wecker wird eine bestimmte Zeit eingestellt, zu der er dann klingelt. Wer zu diesem Zeitpunkt den Strauß hat, ist der „Masta“ (Meister) und muss die Zeche für die Burschen für den ganzen Abend zahlen. Zusätzlich werden nach der Kerb alle Burschen und ihre Mädchen bei ihm zum Schnaps- und Kaffeetrinken eingeladen. Oftmals fällt auf den Montag auch die Übergabe der Kerb an die Kerbeburschen des nächsten Jahrgangs, wobei das Publikum durch zu bestehende Prüfungen derer unterhalten wird.

In manchen Orten gehört zur Kerb auch eine kerbpredigt, in welcher Ereignisse des vergangenen Jahres ausgewertet werden. Am Ende des Kerbefestes wird dann die Schlackes beerdigt.